Von Politikverdrossenheit keine Spur

Veröffentlicht am 24.10.2016 in Unterbezirk

Für die Bundestagskandidatur im Wahlkreis Städteregion gibt es gleich drei SPD-Bewerber . Als Konkurrenten sehen sie sich nicht.

Der Pluralismus ist ein wesentlicher Bestandteil der demokratischen Gesellschaft. Doch wenn es um die Besetzung von Wahlkreisen geht, ist es in der Regel mit der Vielfalt vorbei. Fast immer wird den Delegierten auf den eigens einberufenen Wahlversammlungen eine Bewerberin oder ein Bewerber präsentiert, die bzw. den sie dann – in der Regel mit sehr guten, selten auch mit weniger guten Abstimmungsergebnissen – in den Wahlkampf schicken.

Dass es aber auch anders gehen kann, demonstriert in diesen Tagen die SPD. Im Unterbezirk Städteregion gibt es gleich drei Bewerber(innen), die bei der Bundestagswahl im Herbst 2017 im Wahlkreis Aachen II für die Sozialdemokraten antreten wollen. Das finden viele Genossen durchaus gut. Und auch der Parteivorsitzende Martin Peters ist sehr erfreut: „Das zeigt doch, dass die SPD eine lebendige Partei mit einer gelebten parteiinternen Demokratie ist.“

Peters kennt die Situation bestens, er hat sie zuletzt 2009 erlebt, wenn auch in anderer Rolle. Auch damals, im Kreis Aachen, gab es bei der SPD mehrere Anwärter auf die Bundestagskandidatur, der Stolberger war neben Martina Rader aus Monschau und Dietmar Schultheis aus Eschweiler einer von ihnen. Die Delegierten entschieden sich am Ende mit deutlicher Mehrheit für Peters. „Und von dem Tag an haben mich meine beiden Mitbewerber uneingeschränkt unterstützt.“

Von einer „Kampfkandidatur“, wie es in den vergangenen Wochen manchmal aus den Reihen der politischen Konkurrenz zu hören war, wollen Janine Köster (Roetgen), Claudia Moll (Eschweiler) und Markus Conrads (Alsdorf) nichts wissen. Vielmehr sehen sie sich vereint in ihrer Motivation: „Unser Wahlkreis braucht endlich wieder einen sozialdemokratischen Bundestagsabgeordneten.“ Nach dem Rückzug von Achim Großmann musste die SPD 2009 und 2013 der CDU und Helmut Brandt den Vortritt lassen, der sich jeweils das Direktmandat sicherte (siehe Box). Auch 2017 wird der größte Konkurrent wieder Helmut Brandt heißen.

Markus Conrads musste nicht lange überlegen, als ihn seine Alsdorfer Parteikollegen auf eine mögliche Kandidatur ansprachen. „Die Entscheidung ist mir leicht gefallen“, berichtet der 45-Jährige, der beruflich als selbstständiger Kaufmann für Mode tätig ist. In der Kommunalpolitik engagiert er sich seit mehr als 30 Jahren. „Sie hat für mich einen enorm hohen Stellenwert.“ Trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – will Conrads in den Bundestag einziehen. „Wir tun in Deutschland viel zu wenig für die untere und mittlere Gesellschaftsschicht“, bemängelt er. Und das zu ändern, sei in Berlin nun mal leichter möglich als in der Städteregion.

„Senkrechtstarterin“

Janine Köster ist so etwas wie die Senkrechtstarterin im SPD-Unterbezirk. Die 35 Jahre alte Gymnasiallehrerin ist erst 2008 in die Partei eingetreten. Im März 2016 wurde sie in Roetgen, wo sie seit 2009 dem Gemeinderat angehört, zur SPD-Ortsvereinsvorsitzenden gewählt. 2014 zog sie zudem in den Städteregionstag ein. „Mir liegt es besonders am Herzen, mehr Bildungsgerechtigkeit in Deutschland herzustellen. Die bestehenden Nachteile und Hürden für Kinder aus Nichtakademikerfamilien und Familien mit Migrationshintergrund müssen abgebaut werden.“ Deshalb hat Köster entschieden, sich für die Bundestagskandidatur zu bewerben.

Auch Claudia Moll hat diesen Schritt gemacht. Aber anders als bei ihren beiden Mitbewerbern ging dem ein längeres inneres Ringen voraus. „Ich habe viel mit meiner Familie diskutiert“, räumt die 47-jährige Altenpflegerin ein. Ihren Entschluss habe sie letztlich bei der Arbeit gefasst: „Nachdem ich den neunten Dienst in Folge ohne freien Tag beendet hatte, habe ich Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe eine Mail geschrieben.“ Das Thema: die Pflegereform. „So etwas kann sich nur jemand ausdenken, der von der Basis keine Ahnung hat“, regt sich Moll auf. Die Basis will sie deshalb stärken – nicht nur in ihrer Heimatstadt Eschweiler, sondern demnächst auch in Berlin.

Interne Vorstellungstour

Zunächst einmal führt der Weg jedoch durch die Städteregion. Alle drei Kandidaten touren derzeit durch die Kommunen und stellen sich bei den Ortsvereinen und Stadtverbänden vor. Das ist wichtig, weil diese die Delegierten entsenden, die am nächsten Samstag (29. Oktober) bei der Kreiswahlkonferenz in Würselen den Kandidaten wählen werden. „Natürlich gibt es einen Wettbewerb. Ich selber fand das aber sehr bereichernd, weil man die gesamte Partei kennenlernt. Gewinnen werden deshalb alle drei Bewerber“, zeigt sich Martin Peters überzeugt.

Allerdings wird nur einer das Bundestagsrennen aufnehmen können. Man darf gespannt sein, wie sich die Delegierten entscheiden werden. Unabhängig vom Ausgang steht für Janine Köster, Claudia Moll und Markus Conrads aber fest: „Am 30. Oktober beginnt für uns der gemeinsame Wahlkampf.“

Peters und Loosz schafften es nicht in den Bundestag

Bei den vergangenen beiden Bundestagswahlen hatte die CDU im heutigen Wahlkreis Aachen II (2009 Kreis Aachen, 2013 Städteregion) deutlich die Nase vorn. Das Direktmandat ging jeweils an Helmut Brandt. Auch bei den Zweitstimmen waren die Christdemokraten siegreich.

2009 entfielen auf den CDU-Kandidaten 40,2 Prozent der Erststimmen, 34,3 Prozent der Wähler entschieden sich für Martin Peters. Dahinter folgten Andreas Müller (Linke/8,5) und Stefan Rohmann (FDP/8,4).

2012 setzte sich Helmut Brandt erneut durch – diesmal mit 45,6 Prozent der abgegebenen Erststimmen. SPD-Kandidat Hans Detlef Loosz kam auf 35,7 Prozent. Weit abgeschlagen lagen dahinter Marika Jungblut (Linke/5,8) und Bettina Herlitzius (Grüne/5,6).

(Quelle: Aachener Zeitung / Aachener Nachtrichten vom 24.10.2016; Bericht von Michael Grobusch)

 
 

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